BfR begleitet Veganer und Fleischesser über vier Jahre
Wer vegan lebt, kennt die Fragen. Woher kommt dein Eiweiß? Was ist mit B12? Wirst du nicht krank? Wer Fleisch isst, hört solche Fragen nie. Dabei hätte die Wissenschaft auch für ihn ein paar Antworten parat. Eine neue Studie aus Berlin liefert sie jetzt für beide Seiten.
Forschende des Bundesinstituts für Risikobewertung haben dieselben Menschen zweimal untersucht. Einmal 2017, dann noch einmal 2021. Die Ergebnisse sind am 6. Oktober 2026 in der Fachzeitschrift Scientific Reports erschienen. Der Name der Studie klingt nach Behördenpapier: Risks and Benefits of a Vegan Diet, kurz RBVD. Der Inhalt ist besser als der Titel. Er passt in keine Schublade.
Wer da untersucht wurde
An der Nachuntersuchung nahmen 24 Veganer und 26 Mischköstler teil. Alle waren zu Beginn zwischen 30 und 60 Jahre alt. Die Veganer lebten zum Zeitpunkt der zweiten Runde schon zwischen 6 und knapp 23 Jahren ohne tierische Produkte. Die Fleischesser mussten mindestens drei Portionen Fleisch pro Woche essen, um mitmachen zu dürfen.
Gemessen wurde gründlich. Drei Tage lang wogen die Teilnehmer jedes Lebensmittel ab, bevor sie es aßen. Dazu kamen Blutproben, 24 Stunden Urin, Blutdruck, Ultraschall am Fersenknochen. Wer Nahrungsergänzungsmittel nahm, musste die Packungen mitbringen. Das ist mehr Aufwand, als die meisten Ernährungsdebatten am Küchentisch je betreiben.
Was für die Veganer spricht
Die Veganer aßen bei gleicher Kalorienmenge mehr Ballaststoffe und deutlich weniger gesättigte Fette. Das zeigte sich in beiden Jahren. Ihre Blutwerte passen dazu. Gesamtcholesterin und LDL lagen niedriger als bei den Fleischessern. Beim LDL betrug der Unterschied der Mediane 2017 rund 36 mg/dL, 2021 noch 29 mg/dL. Auch der Langzeitzucker HbA1c lag bei den Veganern 2021 um 0,3 Prozentpunkte niedriger.
Das Ergebnis, das viele überraschen dürfte, betrifft Vitamin B12. Es gilt als das kritischste Vitamin für Veganer. Trotzdem fanden die Forscher bei keinem einzigen Marker einen Unterschied zwischen den Gruppen. Keine der beiden Gruppen hatte laut kombiniertem Indikator einen B12 Mangel. Der Grund ist banal. 2017 nahmen 91,7 Prozent der Veganer B12 als Präparat, 2021 waren es 87,5 Prozent. Die Pille ersetzt das Steak. Zumindest beim Laborwert.
Noch kurioser wird es bei Vitamin D. Die Veganer hatten 2021 im Mittel höhere Werte als die Fleischesser, die Differenz der Mediane lag bei 21 nmol/L. Auch hier stecken vermutlich Präparate dahinter. 70,8 Prozent der Veganer schluckten 2021 Vitamin D3. Bei den Mischköstlern waren es 34,6 Prozent. Folat lag bei den Veganern ebenfalls höher.
Was gegen sie spricht
Jetzt die andere Seite. Zink und Selen im Blut waren bei den Veganern in beiden Jahren niedriger. Beim Zink lag der Unterschied 2021 bei 7 µg/dL. Nach geschlechtsspezifischen Grenzwerten galten 2021 sieben Veganer als zinkarm, aber nur zwei Fleischesser. Drei Veganer lagen zu beiden Zeitpunkten darunter.
Die Forscher haben eine Erklärung. Pflanzen enthalten Phytat. Der Stoff bindet Zink im Darm und macht es schwer verfügbar. Man kann also genug Zink essen und trotzdem zu wenig im Blut haben.
Beim Selen hilft auch Fleiß wenig. Europas Böden sind arm daran. Was auf dem Acker wächst, enthält entsprechend wenig. Tiere bekommen Selen oft über das Futter. Der Fleischesser isst das also gewissermaßen mit. Der Veganer muss sich selbst kümmern.
Calcium ist der nächste Punkt. 2021 aßen die Veganer im Mittel 392 Milligramm weniger am Tag als die Fleischesser. Die Empfehlung von 1000 Milligramm erreichten 15 der Veganer nicht. Bei den Mischköstlern waren es allerdings auch 10. Jod nahmen die Veganer ebenfalls weniger auf. Vitamin A und B2 lagen 2017 niedriger, B2 glich sich bis 2021 aus.
Bleiben die Knochen. Die Ultraschallwerte am Fersenknochen lagen bei den Veganern tendenziell niedriger. Statistisch belastbar war das nicht. Die Autoren sagen selbst, dass die Gruppe dafür vermutlich zu klein war.
Die Pille als heimlicher Gewinner
Ein Befund geht in der Debatte gern unter. Zwischen 2017 und 2021 stieg der Griff zur Tablette in beiden Gruppen. Fast alle Nährstoffe wurden 2021 häufiger ergänzt als vier Jahre zuvor. Bei den Fleischessern verdoppelte sich die B12 Quote auf 23,1 Prozent. Auch Vitamin D nahmen doppelt so viele.
Das ist bemerkenswert. Die eine Seite wirft der anderen vor, sie brauche Pillen zum Überleben. Gleichzeitig schluckt sie selbst immer mehr davon. Und es kommt noch besser. Rechnet man Essen und Präparate zusammen, erreichten 2021 rund 41 Prozent der Veganer die empfohlene B12 Menge von 4 Mikrogramm am Tag nicht. Bei den Fleischessern waren es 35 Prozent. Der Abstand ist kleiner, als viele denken.
Was die Studie nicht kann
Bevor jemand das Ergebnis auf ein Plakat druckt: Die Studie hat Grenzen, und die Forscher nennen sie offen. 50 Menschen sind wenig. Alle kamen aus Berlin. Es war keine Zufallsstichprobe, sondern eine Gelegenheitsauswahl. Die Teilnehmer hatten nach der ersten Runde die Ergebnisse zugeschickt bekommen. Das könnte ihr Verhalten verändert haben. Die Blutproben wurden 2017 von Januar bis Juli genommen, 2021 von Juli bis Februar. Beim Vitamin D raten die Autoren deshalb ausdrücklich davon ab, die beiden Jahre direkt zu vergleichen.
Dazu kommt das Körpergewicht. Die Veganer hatten einen niedrigeren BMI und weniger Bauchumfang. Die Autoren schreiben, dass die günstigen Herzwerte zu einem erheblichen Teil darüber laufen. Weniger Gewicht, besseres Cholesterin. Das geht auch ohne Tofu.
Am Ende steht der Satz, den man aus fast jeder Studie kennt. Es braucht größere Langzeitstudien, um die Risiken und den Nutzen auf lange Sicht zu klären. Das klingt nach Ausrede. Hier ist es ehrlich gemeint.
Und jetzt?
Wer vegan lebt, kann aus der Studie zwei Dinge mitnehmen. B12 mit Tablette funktioniert offenbar. Zink, Selen, Calcium und Jod verdienen mehr Aufmerksamkeit. Die Gießener vegane Lebensmittelpyramide empfiehlt beim Selen zum Beispiel zwei Paranüsse am Tag. Wer Fleisch isst, kann sich ebenfalls etwas notieren. Sein LDL liegt höher, sein Langzeitzucker auch. Und gegen B12 Lücken ist er offenbar auch nicht immun.
Der Anteil der Veganer in Deutschland ist laut einer in der Studie zitierten Übersicht zwischen 2005 und 2022 von nahe null auf 3,2 Prozent gestiegen. Die Debatte darüber ist viel lauter, als diese Zahl vermuten lässt. Vielleicht würde sie leiser, wenn beide Seiten öfter ins Labor schauen und seltener in die Kommentarspalte.









