Bitkom-Umfrage: Die Deutschen wollen KI im Amt, manche sogar ohne Menschen
Man stelle sich die Szene vor. Ein Bürger reicht seinen Antrag ein. Er wartet. Er wartet weiter. Und irgendwann sagt er sich: Soll doch der Computer entscheiden. Hauptsache, es entscheidet überhaupt jemand.
Genau das wünscht sich inzwischen jeder Achte in Deutschland. Das zeigt eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. 12 Prozent würden Prüfung und Entscheidung über ihren Antrag vollständig einer Künstlichen Intelligenz überlassen. Vor einem Jahr waren es 7 Prozent. Der Wert hat sich also fast verdoppelt. Befragt wurden 1.004 Menschen ab 18 Jahren.
Siebzig Prozent sagen Ja zur Maschine
Die Zahl der Skeptiker schrumpft. 70 Prozent wollen, dass bei der Bearbeitung ihres Antrags KI eingesetzt wird. 2025 waren es 63 Prozent. Nur noch 26 Prozent wollen ihren Antrag ganz ohne KI bearbeitet sehen. Vor einem Jahr waren es 31 Prozent.
Interessant ist, wie die Leute sich die Arbeitsteilung vorstellen. 23 Prozent wollen, dass die KI prüft und ein Mensch am Ende entscheidet. 35 Prozent drehen es um. Ein Mensch soll prüfen und entscheiden, die KI kontrolliert danach. Die Maschine als Aufpasser für den Beamten. Das hätte vor ein paar Jahren noch nach Science Fiction geklungen. Heute ist es die beliebteste Antwort.
„KI kann Anträge prüfen, Unterlagen auswerten und nicht nur Routinefälle bearbeiten“, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder. „Die Menschen wollen, dass die Verwaltung die Technologie nutzt.“
Woher kommt die neue Liebe zum Algorithmus?
Die Antwort steht in derselben Umfrage. 74 Prozent sagen, Behörden brauchen zu lange für ihre Anliegen. Das ist schon eine Verbesserung. Im Vorjahr klagten noch 85 Prozent. Trotzdem: Drei von vier Menschen halten das Amt für zu langsam. Wer so lange wartet, wird offen für Alternativen. Auch für solche aus Silizium.
Die Wünsche gehen weiter. 85 Prozent möchten jederzeit online sehen, wie weit ihr Antrag ist und wie lange es noch dauert. Wer Pakete verfolgen kann, will auch seinen Bauantrag verfolgen. Das ist kein überzogener Anspruch. Das ist 2026.
73 Prozent wünschen sich sogar eine Verwaltung, die von sich aus aktiv wird. Etwa wenn Kindergeld oder Bafög zusteht oder der Ausweis abläuft. „Der Staat weiß, wann ein Ausweis abläuft und wem eine Leistung zusteht. Er sollte dieses Wissen nutzen und von sich aus aktiv werden“, sagt Rohleder. 11 Prozent fänden es am besten, wenn die Behörde die Leistung gleich selbst für sie beantragt. Der Staat stellt also den Antrag beim Staat. Man darf gespannt sein, wer dann zu lange braucht.
Zufrieden, aber ungeduldig
Dabei ist die Stimmung gar nicht so schlecht. 61 Prozent sind mit den Behörden zufrieden, mit denen sie zu tun haben. 35 Prozent sind eher oder sehr unzufrieden. Eine knappe Mehrheit von 53 Prozent hält die eigene Stadt oder Gemeinde für digital fortgeschritten.
Trotzdem wünschen sich 91 Prozent mehr Nachdruck bei der Digitalisierung vor Ort. So viele wie nie seit 2019. Selbst bei den über 65-Jährigen sind es 83 Prozent. Die Wunschliste ist konkret. Eine App, mit der man Mängel im öffentlichen Raum meldet, wollen 83 Prozent. Das Schlagloch bekommt endlich einen Absender. Echtzeitdaten für Bus und Bahn wollen 72 Prozent. Und 56 Prozent finden smarte Mülltonnen wichtig, die ihren Füllstand melden. Die Tonne meldet sich, bevor der Bürger es tut. Auch das ist eine Form von Fortschritt.
Das Gesetz ist noch nicht so weit
Bevor jetzt jemand seinen Antrag an einen Chatbot schickt: So einfach geht das nicht. Das Verwaltungsverfahrensgesetz erlaubt den vollautomatischen Bescheid nur unter engen Bedingungen. Paragraf 35a sagt, ein Verwaltungsakt kann vollständig durch automatische Einrichtungen erlassen werden, „sofern dies durch Rechtsvorschrift zugelassen ist und weder ein Ermessen noch ein Beurteilungsspielraum besteht“.
Das heißt übersetzt: Die Maschine darf nur dort allein entscheiden, wo es eigentlich nichts zu entscheiden gibt. Sobald ein Sachbearbeiter abwägen muss, muss auch ein Mensch ran. Ausgerechnet die Fälle, die am längsten dauern, sind also die, die eine KI allein gar nicht übernehmen darf.
Dazu kommt die Datenschutz-Grundverordnung. Artikel 22 gibt jedem das Recht, keiner Entscheidung unterworfen zu werden, die ausschließlich auf automatisierter Verarbeitung beruht und ihm gegenüber rechtliche Wirkung entfaltet. Ausnahmen sind möglich, etwa per Gesetz oder mit ausdrücklicher Einwilligung. Die 12 Prozent hätten also gute Chancen, diese Einwilligung zu geben. Die anderen 88 Prozent behalten ihr Recht auf einen Menschen.
Der Mensch als Abnicker
Bleibt die Frage, wie viel der Mensch am Ende wirklich noch entscheidet. Forscher kennen dafür einen Begriff: Automation Bias. Menschen neigen dazu, den Ergebnissen automatischer Systeme zu vertrauen. Sie wirken objektiv und fast wissenschaftlich.
Der Deutsche Ethikrat hat das schon 2023 beschrieben. „Menschen vertrauen algorithmisch erzeugten Ergebnissen häufig mehr als menschlichen Entscheidern“, schrieb er. Selbst wenn eine KI nur unterstützen soll, könne sie durch diesen Effekt „allmählich in die Rolle des eigentlichen ‚Entscheiders‘“ rutschen. Darauf hat die Wirtschaftswoche vergangene Woche in einem Beitrag über KI im Job hingewiesen.
Das ist der Haken an der beliebten Variante, in der die KI prüft und ein Mensch entscheidet. Wenn die Akte dick ist und der Feierabend nah, wird aus der Entscheidung schnell ein Klick. Die Maschine schlägt vor. Der Mensch nickt. Auf dem Papier hat ein Mensch entschieden.
Was die Zahlen eigentlich sagen
Man kann die Umfrage als Liebeserklärung an die KI lesen. Man kann sie auch anders lesen. Die Menschen wollen vor allem eins: dass etwas passiert. Dass ein Antrag nicht wochenlang liegt. Dass man nicht zum dritten Mal dieselbe Adresse eintragen muss. 62 Prozent wünschen sich deshalb, dass Behörden untereinander mehr Daten austauschen.
Die KI ist in dieser Rechnung weniger Traum als Notlösung. Wer wochenlang auf einen Termin im Bürgeramt gewartet hat, findet einen Algorithmus plötzlich sympathisch. Er hat keinen Urlaub, keine Mittagspause und keine Faxnummer.
Ob er auch gerechter entscheidet, weiß noch niemand. Aber er entscheidet wenigstens schnell. Und das reicht inzwischen jedem Achten. Das sagt weniger über die KI als über das Amt.
Wie der Staat mit KI schneller werden soll, ist eines der großen Themen der Smart Country Convention. Sie findet vom 13. bis 15. Oktober in Berlin statt. Mehr als 23.000 Teilnehmende werden erwartet. Man wird dort viel über Tempo reden. Die Anträge liegen derweil weiter auf dem Stapel.
Quellen
- Bitkom, 06.10.2026: KI auf dem Amt? Die große Mehrheit sagt Ja
- heise online, 06.10.2026: Umfrage: KI auf dem Amt? Ja, bitte!
- Verwaltungsverfahrensgesetz, § 35a: Vollständig automatisierter Erlass eines Verwaltungsaktes
- DSGVO, Art. 22: Automatisierte Entscheidungen im Einzelfall einschließlich Profiling
- Wirtschaftswoche, 01.10.2026: Warum Beschäftigte ihre Verantwortung heimlich an die KI abgeben








