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Fleischtomate erlaubt, Sojasteak verboten: Das Eiweiß-Forum beim Minister

Comic mit einer roten Tomate mit Schild Fleisch: OK, in der Mitte ein Stern mit ab 2029, rechts ein brauner Steakumriss mit dem Stempel VERBOTEN unter der Zeile Name Sojasteak

Forum übergibt Positionspapier an Agrarminister Rainer

Man stelle sich diese Runde vor. Aldi Süd, Lidl und Rewe. Rügenwalder Mühle. Danone. Die PHW-Gruppe, besser bekannt durch ihre Marke Wiesenhof. Daneben ProVeg, die Union zur Förderung von Oel- und Proteinpflanzen und ein paar Universitäten. Sie alle sitzen in einem gemeinsamen Forum. Sie wollen nicht über weniger Fleisch reden. Sie wollen über mehr Eiweiß reden. Und über Geld.

Am 5. Oktober übergab eine Delegation des „Forum Proteine der Zukunft auf den Teller“ Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) sein erstes Positionspapier. Der Titel klingt nach Sonntagsrede: „Wirtschaftswachstum durch deutsche Innovationskraft“. Der Inhalt ist interessanter als der Titel.

Wer da eigentlich am Tisch sitzt

Das Forum gibt es seit November 2024. Der Bundestag hat es beschlossen, die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung koordiniert es. Rund 40 Akteure machen mit. 20 davon sind reguläre Mitglieder mit Stimmrecht, acht beraten nur. Unter den Beratern ist auch das Umweltbundesamt.

Verwunderlich ist die Mischung. Ein Geflügelkonzern unterschreibt ein Papier für alternative Proteine. Ein Wursthersteller sitzt neben einer Vegan-Lobby. Handelsketten, die sich sonst um jeden Cent beim Hackfleisch streiten, treten hier gemeinsam auf. Wer hätte gedacht, dass die Erbse so viele Freunde hat.

Das Papier betont selbst, worum es nicht geht. Der Fokus liege „nicht auf dem Verzicht tierischer Produkte, sondern auf dem Gewinn an Vielfalt, Genuss und Nachhaltigkeit“. Niemand soll sein Schnitzel hergeben. Man will nur noch ein zweites verkaufen.

Die Zahlen im Papier

Deutschland ist laut Forum mit 1,71 Milliarden Euro der mit Abstand größte Markt für pflanzenbasierte Produkte in Europa. Mindestens 142 Unternehmen arbeiten hierzulande an Produkten aus Pflanzen, Fermentation oder Zellkultur. 2024 flossen 134 Millionen Euro privates Geld in die Branche. Im Jahr davor waren es nur 27 Millionen.

Die Prognose ist groß. Bis 2045 könnte die Branche je nach Investitionen und politischer Unterstützung zwischen 20 und 65 Milliarden Euro im Jahr zur Wirtschaftsleistung beitragen. Dazu kämen 115.000 bis 250.000 Arbeitsplätze und Exporte von bis zu 35 Milliarden Euro jährlich. Solche Spannen sind typisch für Zukunftsstudien. Die untere und die obere Zahl trennt mehr als das Dreifache.

Dann kommt die unbequeme Stelle. Bei der Forschungsförderung für alternative Proteine liegt Deutschland unter neun europäischen Ländern auf Platz sieben. Bei den öffentlichen Investitionen weltweit schafft es Deutschland nicht unter die ersten zehn. Vorne liegen Dänemark, Israel und Südkorea. Selbst das US-Verteidigungsministerium steckt laut Papier mehr als 51 Millionen Euro in einzelne Firmen der Branche. Das Pentagon denkt an Ernährungssicherheit. Berlin denkt noch nach.

Was das Forum will

Die Forderungen sind überschaubar. Mehr öffentliches Geld für Forschung. Ein eigenes Innovationscluster. Effizientere Zulassungen für neuartige Lebensmittel wie kultiviertes Fleisch, aber bei gleich hohen Sicherheitsstandards. Gezielte Förderung, damit Hersteller ihre Produkte gesünder machen. Denn die Kritik am hohen Verarbeitungsgrad kennt das Forum auch.

Und dann die Namen. Das Forum fordert, dass es nach dem Verbot einiger gängiger Bezeichnungen keine weiteren Einschränkungen gibt. Auch nicht bei anderen pflanzlichen Produkten.

Die Sache mit dem Sojasteak

Hier wird es wirklich verwunderlich. Die EU hat im Juli die Verordnung 2026/1739 im Amtsblatt veröffentlicht. Sie schützt künftig eine lange Liste von Fleischbegriffen. Darunter Steak, Filet, Speck, Leber, Rippchen, Kotelett und Brust. Die Regeln gelten ab dem 19. August 2029.

Was das bedeutet, haben die Lebensmittelrechtler von cibus aufgeschrieben. „Veganes Sojasteak“ ist dann nicht mehr erlaubt. „Vegane Leberwurst“ auch nicht. „Pflanzenfleisch“ ebenso wenig. Die Fleischtomate darf dagegen bleiben. Das Fischfleisch auch.

Man muss das kurz sacken lassen. Eine Tomate darf Fleisch heißen. Ein Steak aus Soja darf nicht Steak heißen. Die EU schützt also den Verbraucher davor, ein Sojasteak mit einem Rindersteak zu verwechseln. Bei der Fleischtomate traut sie ihm die Unterscheidung zu.

Burger, Wurst und Schnitzel stehen nicht auf der Liste. Der Veggie-Burger hat also überlebt. Das Forum will, dass es dabei bleibt.

Der Minister will niemanden ärgern

Alois Rainer lobte bei der Übergabe die Innovationskraft der Branche. Neue Produkte könnten Wertschöpfung, Jobs und Absatzmärkte schaffen. Dann sagte er laut top agrar: „Für mich ist wichtig, dabei nicht pflanzliche und tierische Produkte gegeneinander auszuspielen.“ Was auf dem Teller liege, entschieden die Verbraucher selbst.

Das ist ein Satz, dem niemand widersprechen kann. Genau deshalb sagt er so wenig. Eine Summe für die Forschung nannte Rainer laut Bericht nicht. Das Forum schlägt einen „schlanken und praxisnahen Aktionsplan“ vor. Ob es den gibt, ist offen.

Und wie viel Eiweiß steckt wirklich drin?

Ein Detail passt gut in diese Woche. Im September meldete das Max Rubner-Institut, dass Eiweißangaben auf Lebensmitteln oft zu hoch sind. Der Grund ist ein Umrechnungsfaktor von 6,25, der rund 200 Jahre alt ist. Er wird bis heute in der Kennzeichnung verwendet. Neue Faktoren liegen zwischen 5,0 und 5,9. Je nach Lebensmittelgruppe ergeben sich so etwa 5 bis 20 Prozent weniger Protein.

Das gilt für alle Lebensmittel, nicht nur für Erbsen. Aber es ist schon bemerkenswert. Ganz Europa streitet über die Frage, wie ein Eiweißprodukt heißen darf. Wie viel Eiweiß wirklich drin ist, wird dagegen meist noch mit einem Faktor von vor 200 Jahren berechnet.

Am Ende bleibt ein Bild, das man so nicht erwartet hätte. Der Hähnchenkonzern wirbt für Erbsenprotein. Der Handel verbündet sich mit der Vegan-Lobby. Der Minister lobt alle und verspricht nichts. Und die Tomate darf weiter Fleisch heißen.

Quellen

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