Neuburger stellt das Fungi Pad ein, der Fleischersatz-Markt schwächelt
Es gibt Firmen, die mit Fleisch groß geworden sind und trotzdem an die Zukunft ohne Fleisch glauben. Neuburger aus dem oberösterreichischen Ulrichsberg ist so eine Firma. Bekannt ist der Familienbetrieb für seinen Leberkäse und den Werbespruch „Sagen Sie niemals Leberkäse zu ihm“. Seit zehn Jahren versucht Neuburger nebenbei, Fleisch aus Pilzen zu machen. Jetzt ist der zweite Anlauf gescheitert.
Ende September hat das Unternehmen die Produktion des „Fungi Pad“ eingestellt. Das ist ein Pilzkissen aus Kräuterseitlingen, verkauft unter der Marke Hermann.Bio. Die Lebensmittel Zeitung griff den Fall auf, CHIP berichtete am Mittwoch. In Deutschland war das Fungi Pad zuletzt in ausgewählten Märkten von Rewe, Edeka und Marktkauf zu haben. Laut Lebensmittel Zeitung sagt das Unternehmen einen Satz, der wehtut: „Mit dem Fungi Pad haben wir bis heute kein Geld verdient.“
Die Gründe: Kosten, Inflation, Zurückhaltung
Firmenchef Thomas Neuburger nennt drei Gründe. „Stark gestiegene Produktionskosten, Inflation und die anhaltende Kaufzurückhaltung bei höherwertigen Lebensmitteln machen eine wirtschaftlich tragfähige Fortführung nicht mehr möglich“, sagte er dem Regionalportal MeinBezirk.
Noch deutlicher wird er an anderer Stelle. „Auf Dauer können wir aber kein Produkt weiterführen, dessen Herstellung mehr kostet, als es erwirtschaftet.“ Das ist ehrlich. Und es ist eine ziemlich gute Beschreibung dessen, was gerade vielen Herstellern von Fleischalternativen passiert.
Das Geld, das in das Projekt floss, ist beachtlich. Laut ORF Oberösterreich investierte Neuburger insgesamt rund 50 Millionen Euro in die fleischlose Produktion und die Pilzzucht. MeinBezirk nennt allein für die Kräuterseitlings-Manufaktur 40 Millionen Euro. Dafür entstand neben dem Werk ein dreigeschossiges Gebäude mit 15.000 Quadratmetern für Vertical Farming. Es steht jetzt leer.
Vier Beschäftigte sind direkt betroffen. Die übrigen Mitarbeiter sollen im Unternehmen bleiben. Insgesamt arbeiten bei Neuburger laut ORF 77 Menschen.
Schon der zweite Rückschlag
Neu ist das Drama nicht. 2016 brachte Neuburger erstmals Fleischimitate aus Kräuterseitlingen auf den Markt, unter dem Namen „Hermann fleischlos“. Es gab Bratstreifen, Gyros, Faschiertes und Rostbratwürstchen. Das Verfahren ließ sich die Familie sogar europaweit patentieren.
2022 war Schluss. Damals nannte das Unternehmen Pandemie und Ukraine-Krieg als Gründe, vor allem die drastisch gestiegenen Energiekosten. 2023 folgte das Comeback mit dem Fungi Pad. Diesmal sollte es kein künstlicher Fleischersatz sein, sondern ein eigenständiges Lebensmittel. 2026 kam noch eine Fischvariante dazu, das „Fungi Pad Mare“. Jetzt ist auch das vorbei.
Aufgeben will Neuburger trotzdem nicht. „Hermann.Bio legen wir vorerst in die Schublade, ganz bewusst mit dem Gedanken: Sag niemals nie“, sagte der Firmenchef. Ab 2027 soll in der Halle eine neue vegane Linie entstehen. Geplant ist ein fermentiertes Lebensmittel für den europäischen Markt. Mehr verrät er nicht.
Der Markt in Deutschland: Der Boom ist vorbei
Ein Einzelfall aus dem Mühlviertel? Die Zahlen aus Deutschland sprechen eine andere Sprache. Laut Statistischem Bundesamt sank die Produktion von Fleischersatz 2025 zum ersten Mal nach Jahren des Wachstums. Hergestellt wurden 124.900 Tonnen. Das sind 1,2 Prozent weniger als im Jahr davor. Der Wert der Produktion fiel um 2,2 Prozent auf 632,6 Millionen Euro.
Zur Einordnung: Seit 2019 hat sich die Menge mehr als verdoppelt. Damals waren es 60.400 Tonnen. Der Markt ist also nicht tot. Er wächst nur nicht mehr. Für eine Branche, die lange nur Wachstum kannte, ist das ein Einschnitt. Investoren rechnen anders, wenn die Kurve flach wird.
Noch deutlicher wird es beim Vergleich mit Fleisch. 2025 wurden in Deutschland Fleisch und Fleischerzeugnisse im Wert von gut 45,2 Milliarden Euro produziert. Das ist gut 70-mal so viel wie beim Fleischersatz. Und der Fleischverzehr? Er stieg nach vorläufigen Zahlen der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung wieder leicht, auf 54,9 Kilogramm pro Kopf. 2024 waren es 53,5 Kilogramm.
Der Handel spielt das Thema weiter
Ganz so düster sehen es die großen Händler nicht. Lidl Deutschland meldet in seinem neuen Nachhaltigkeitsbericht einen Anteil pflanzlicher Proteinquellen von 13,8 Prozent für das Geschäftsjahr 2025. Das sind 2,5 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Bis 2030 will der Discounter 20 Prozent erreichen. Rund 1.000 pflanzliche Artikel stehen laut Bericht im Sortiment.
Das ist der Unterschied. Lidl kann mit Masse und niedrigen Preisen arbeiten. Ein mittelständischer Hersteller mit eigener Pilzzucht, teuren Hallen und einem Premiumprodukt kann das nicht. Wenn die Kunden beim Einkauf sparen, trifft es zuerst die teuren Nischenprodukte. Das gilt für Bio. Das gilt für Veggie. Und es gilt ganz besonders für ein Pilzkissen, das niemand so richtig einordnen kann.
Was der Fall zeigt
Die Geschichte von Neuburger ist keine Abrechnung mit vegetarischer Ernährung. Die Nachfrage ist da. Laut einer Erhebung der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft von 2025 isst fast jeder Zweite mindestens einmal im Monat Fleischersatz. Aber der Markt ist kein Selbstläufer mehr. Gute Absichten bezahlen keine Energierechnung.
Bemerkenswert bleibt die Pointe. Ein Leberkäse-Hersteller steckt rund 50 Millionen Euro in Pilzfleisch, scheitert zweimal und plant schon das dritte Produkt. Der Leberkäse dagegen läuft. „Die Marke Neuburger erfreut sich weiterhin großer Beliebtheit“, sagt der Chef. Er finanziert also mit dem Fleisch die Suche nach dem Ersatz für Fleisch. Ehrlicher kann man den Stand der Ernährungswende kaum beschreiben.
Quellen
- CHIP: Zu teuer, zu wenig Nachfrage: Neuburger stoppt Fleischalternative (07.10.2026)
- ORF Oberösterreich: Leberkäseproduzent streicht Veggie-Linie (30.09.2026)
- MeinBezirk: Hermann.Bio stellt Pilzproduktion in Ulrichsberg ein (28.09.2026)
- Statistisches Bundesamt: Fleischersatz-Produktion sinkt 2025 um 1,2 % (18.05.2026)
- Lidl Deutschland: Bewusste Ernährung, Ziel 20 Prozent pflanzliche Proteinquellen bis 2030
- vegconomist: Lidl legt Nachhaltigkeitsbericht vor, Anteil pflanzlicher Proteinquellen steigt auf 13,8 Prozent (07.10.2026)









