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Wasserstoff-Kernnetz: 9040 Kilometer Rohr für einen Gast, der nicht kommt

Comic-Illustration: graue Wasserstoffleitung mit der Aufschrift H2-Kernnetz endet an einem Hahn, aus dem ein einzelner Tropfen in einen leeren Eimer fällt. Daneben ein Kartenhaus und Sterne mit 9040 km Rohr und 0,2 GW Elektrolyse.

Energiewende: Erst die Rohre, dann vielleicht der Wasserstoff

Katherina Reiche hat eine Zahl in die Welt gesetzt, die hängen bleibt. Dreißig Jahre Klimapolitik hätten fast eine Billion Euro gekostet, sagte die Wirtschaftsministerin der Süddeutschen Zeitung. Der Anteil erneuerbarer Energien am gesamten Energieverbrauch liege trotzdem bei gerade einmal rund 20 Prozent. Ihr Schluss: „Wir müssen immer wieder prüfen, nachsteuern und gegebenenfalls korrigieren.“

Prüfen, nachsteuern, korrigieren. Das klingt vernünftig. Es klingt auch nach einem Satz, den man sich vor dem Geldausgeben überlegen könnte. Wer wissen will, wie die Energiewende plant, muss nicht auf Windräder schauen. Er muss unter die Erde schauen. Dort entsteht gerade ein Netz für einen Stoff, den es kaum gibt.

9040 Kilometer für einen Gast, der nicht kommt

Das Wasserstoff-Kernnetz ist seit Oktober 2024 genehmigt. Es soll 9040 Kilometer lang werden. Ursprünglich sollte es bis 2032 fertig sein. Nach dem aktuellen Entwurf des Netzentwicklungsplans streckt sich der Ausbau bis 2037. Über 500 Kilometer sind in Betrieb. Rund 60 Prozent des Netzes sind umgestellte Erdgasleitungen. Das macht den Bau schnell. Es macht das Netz nicht voll.

Denn der Wasserstoff fehlt. Ende 2025 standen in Deutschland Elektrolyseure mit zusammen knapp 0,2 Gigawatt Leistung. Das zählte das Energiewirtschaftliche Institut in Köln. Das Ziel für 2030, formuliert 2021, liegt bei 10 Gigawatt. Man muss kein Mathematiker sein. Bis 2030 fehlen noch rund 98 Prozent.

Ausgerechnet RWE, einer der wenigen Konzerne mit laufender Anlage, sagt es offen. „Wir sind definitiv nicht mehr im Plan“, erklärte RWE-Manager Christian Sander auf dem Handelsblatt-Wasserstoff-Gipfel Ende September. Die 10 Gigawatt bis 2030 seien „nicht machbar“. Der Gipfel stand übrigens unter dem Motto „Realitätscheck“. Immerhin das hat geklappt.

Reserviert ist nicht gebucht

Kunden gibt es auch. Auf dem Papier. Seit März 2026 können Unternehmen Kapazität im Kernnetz reservieren. Bis August kamen knapp 6 Gigawatt zusammen. Wer reserviert, zahlt 1 Euro je Kilowatt und Jahr. Verbindlich gebucht ist davon noch nichts.

Wie belastbar frühere Bedarfsmeldungen waren, sagt ein Netzbetreiber selbst. „Der Verdacht liegt nahe, dass der ein oder andere da relativ hoch ins Regal gegriffen hat, weil es nichts kostete, einfach mal eine hohe Zahl zu melden“, sagt Matthias Jenn, Chef von Bayernets. Auf solchen Zahlen baut man also Leitungen für Milliarden. Gut, dass jetzt ein Euro pro Kilowatt fällig wird. Das schafft Ehrlichkeit.

Das Grundproblem ist der Preis. Grüner Wasserstoff kostet derzeit rund zwei bis dreimal so viel wie grauer aus Erdgas. Eine Raffinerie mit Klimaquote kann das schlucken. Ein Chemiekonzern ohne Quote rechnet anders. Und eine Kupferhütte will vor allem eins: Wasserstoff, der morgen auch noch fließt.

Das Ministerium spricht vom Kartenhaus

Das schönste Bild kam aus dem Wirtschaftsministerium selbst. Hanna Schumacher leitet dort die Unterabteilung für Wasserstoff und Gasinfrastruktur. Sie sprach über das Vorzeigeprojekt der Branche. Ein RWE-Elektrolyseur in Lingen schickt seit August Wasserstoff rund 120 Kilometer weit in den Chemiepark Marl. Es funktioniert. Aber falle ein Akteur aus, breche „das ganze Kartenhaus zusammen“, sagte Schumacher. „Aber in dieser Phase merken wir gerade, dass alle noch so ein bisschen zögern zu springen.“

Das ist bemerkenswert ehrlich. Der Staat legt Rohre. Die Industrie schaut zu. Und das Ministerium beschreibt das eigene Vorzeigeprojekt als Kartenhaus.

Die Liste der geplatzten Träume

Wie das Zögern aussieht, zeigt ein Blick auf die letzten Monate. Im August bestätigte das Energiewendeministerium in Kiel das endgültige Aus für HyScale 100 an der Raffinerie Heide. Dort sollten Elektrolyseure mit bis zu 2,1 Gigawatt entstehen. Bund und Land hatten fast 900 Millionen Euro bereitgestellt. Das Land habe kein Geld verloren, sagte eine Sprecherin dem NDR. Die Raffinerie nannte als Grund unter anderem fehlende Planungssicherheit.

Ebenfalls im August stoppte Thyssenkrupp Nucera die geplante Serienfertigung von Stacks für die Hochtemperatur-Elektrolyse. Thüringen hatte als Standort gehofft. Die Begründung des Unternehmens laut MDR: Der Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft entwickle sich langsamer als erwartet.

Und am Montag kam die Lausitz dazu. Das Referenzkraftwerk Lausitz in Schwarze Pumpe sollte zeigen, wie eine Region sich allein mit erneuerbaren Energien versorgt. Mit Wasserstoff als Speicher für Wind- und Sonnenstrom. 2023 gab es dafür einen Förderbescheid über rund 28,5 Millionen Euro. Jetzt teilt der Projektträger Jülich mit, es sei „derzeit keine Final Investment Decision (FID) am ursprünglich vorgesehenen Standort Industriepark Schwarze Pumpe möglich“. Und weiter: „Somit ist davon auszugehen, dass die ursprüngliche Zielsetzung nicht erreicht werden kann.“ Wie viel Fördergeld schon geflossen ist, bleibt offen. Auf der Projektseite steht als jüngste Nachricht noch der Förderbescheid.

Wer zahlt, wenn keiner kommt

Ein Netz ohne Kunden verdient kein Geld. Das ist eingeplant. Die Lücke zwischen Baukosten und Einnahmen buchen die Betreiber auf ein Amortisationskonto. Die staatliche KfW finanziert vor. Bleibt im Jahr 2055 ein Fehlbetrag, trägt der Bund davon 76 Prozent. Die Netzbetreiber tragen 24 Prozent. Der Bund, das sind wir.

Der Bundesrechnungshof hat das schon im Oktober 2025 aufgeschrieben. Das Kernnetz sei „zu ambitioniert geplant“. Scheitere der Hochlauf, könne der Finanzierungsmechanismus den Bundeshaushalt mit einem zweistelligen Milliardenbetrag belasten. Allein in den Jahren 2024 und 2025 stellte der Bund mehr als 7 Milliarden Euro bereit, vor allem als Subventionen. Präsident Kay Scheller sagte damals: „Es ist Zeit für einen Realitätscheck.“ Ein Jahr später heißt der Wasserstoff-Gipfel genauso. Der Check läuft also noch.

Die Bundesnetzagentur widerspricht. Ein „Milliardengrab“ werde das Netz nicht, sagt dort Rafael Gralla. „Wenn der Bedarf nicht da ist, dann wird das auch nicht gebaut.“ Das ist ein tröstlicher Satz. Er bedeutet aber auch: Der Plan von 9040 Kilometern war nie ein Plan. Er war eine Hoffnung mit Genehmigung.

Auch die Planer rechnen jetzt kleiner

Die vier Übertragungsnetzbetreiber haben Ende August ihren neuen Szenariorahmen für das Stromnetz vorgelegt. Darin haben sie die Annahmen für Elektrolyse „spürbar reduziert“. Mehr Rechenzentren, mehr Großbatterien, weniger Wasserstoff. Die Rohre bleiben trotzdem in der Planung.

Einen Retter gibt es angeblich doch. Rheinmetall will E-Fuels für das Militär herstellen und sieht dafür einen Bedarf von 60 Gigawatt Elektrolyse. Die Anlagen sollen dezentral in Containern stehen. Ein Kernnetz brauchen sie nicht. Und die Leiterin des Programms sagt selbst: „Es stehen genau null Anlagen.“

Prüfen, nachsteuern, korrigieren

Damit sind wir wieder bei Reiches Satz. Prüfen, nachsteuern, korrigieren. Beim Wasserstoff ist die Reihenfolge eine andere. Erst genehmigen. Dann bauen. Dann merken, dass Erzeuger und Kunden fehlen. Dann ein Kartenhaus beschreiben. Und am Ende prüfen, wer die Rechnung trägt.

Wasserstoff kann für Stahl und Chemie sinnvoll sein. Daran zweifelt kaum jemand. Gezweifelt werden darf an einer Politik, die Ziele in Gigawatt verkündet und Leitungen in Kilometern verlegt, aber die Kunden nur in Reservierungen zählt. Fast eine Billion Euro für rund 20 Prozent. Beim Wasserstoff fehlt noch die Prozentzahl. Der Fehlbetrag für 2055 hat dagegen schon einen Verteilschlüssel.

Quellen

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