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Reiche rechnet vor: Fast eine Billion Euro für 20 Prozent Energiewende

Comic mit einem grünen Geldsack mit Euro-Zeichen und der Aufschrift 1 Billion, ein Pfeil zeigt auf eine Batterie, die nur zu 20 Prozent grün gefüllt ist, daneben Sterne mit Ziel 2030 41 Prozent und Verkehr 8 Prozent

Wirtschaftsministerin Reiche verteidigt sich und liefert die härteste Zahl gleich mit

Es gibt Verteidigungsreden, nach denen man den Angeklagten lieber nicht mehr verteidigen möchte. Katherina Reiche (CDU) hat so eine gehalten. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung wehrt sich die Bundeswirtschaftsministerin gegen den Vorwurf, sie wolle die Energiewende abwürgen. Das sei „Unsinn“, sagt sie. Und dann sagt sie den Satz, der hängen bleibt.

30 Jahre Klimapolitik hätten bisher fast eine Billion Euro gekostet. Der Anteil erneuerbarer Energien am gesamten Energieverbrauch liege aber bei gerade einmal rund 20 Prozent. So geben es n-tv und andere Medien wieder. „Das zeigt, Transformation ist richtig, braucht aber Zeit, sie kostet Geld und sie verläuft nicht linear“, erklärte Reiche. „Wir müssen immer wieder prüfen, nachsteuern und gegebenenfalls korrigieren.“

Man muss das kurz sacken lassen. Die zuständige Ministerin verteidigt die Energiewende, indem sie ihre Bilanz vorliest. Eine Billion rein, ein Fünftel raus.

Was die offiziellen Zahlen sagen

Ganz so düster ist die Lage laut Statistik nicht. Ganz so hell aber auch nicht. Das Umweltbundesamt hat für 2025 einen Anteil der Erneuerbaren am Bruttoendenergieverbrauch von 23,8 Prozent errechnet. Das ist ein Plus von 1,3 Prozentpunkten zum Vorjahr. Reiches „rund 20 Prozent“ sind also eher tief gestapelt. Aber die Richtung stimmt.

Aufschlussreicher wird es, wenn man in die Sektoren schaut. Beim Strom kommen die Erneuerbaren auf 55,1 Prozent. Da läuft die Wende tatsächlich. Bei der Wärme sind es 19 Prozent, davon der Großteil aus Holz und anderer Biomasse. Im Verkehr sind es 8 Prozent. Acht. Nach drei Jahrzehnten Klimapolitik fährt Deutschland zu über 90 Prozent mit nicht erneuerbarer Energie, vor allem mit Diesel und Benzin.

Das ist der Kern des Problems. Die Energiewende ist bisher vor allem eine Stromwende. Und Strom ist nur ein Teil des Energieverbrauchs. Wärme und Verkehr sind die dicken Brocken. Dort kommt die Wende kaum voran.

Die Rechnung bis 2030

Deutschland hat sich im Nationalen Energie- und Klimaplan verpflichtet, bis 2030 einen Anteil von 41 Prozent zu erreichen. Das Umweltbundesamt nennt das Ziel selbst „ambitioniert“. Das ist Behördensprache für: wird schwer.

Rechnen wir nach. Von 23,8 auf 41 Prozent fehlen 17,2 Punkte. Bis 2030 bleiben fünf Jahre. Das wären rund 3,4 Punkte pro Jahr. Im vergangenen Jahr waren es 1,3. Geht es in diesem Tempo weiter, landet Deutschland 2030 rechnerisch bei gut 30 Prozent. Elf Punkte unter Ziel.

Und wer Reiches eigene Logik zu Ende denkt, kommt ins Grübeln. Wenn die ersten 20 Prozent fast eine Billion gekostet haben, was kosten dann die nächsten 80? Die Antwort ist nicht einfach Hochrechnung. Manches wird billiger, Solarmodule zum Beispiel. Anderes wird teurer, Netze, Speicher, Wärmenetze. Eine ehrliche Gesamtrechnung hat die Bundesregierung bisher nicht vorgelegt. Auch nicht die Ministerin, die jetzt mit der Billion argumentiert.

Kosten oder Investitionen?

Die Billion ist dabei selbst umstritten. Das Portal Cleanthinking wirft Reiche vor, Investitionen als Kosten zu verbuchen. Hinter dem Geld stünden Windräder, Solarparks und Netze, die über Jahrzehnte Strom liefern. Zum Vergleich verweist das Portal auf die KfW. Danach überweist Deutschland jedes Jahr rund 81 Milliarden Euro für Öl, Gas und Kohle ins Ausland.

Das Argument hat etwas. Es hat aber auch eine Schwäche. Für den Stromkunden ist es egal, ob die Rechnung Investition oder Kosten heißt. Er zahlt sie über Netzentgelte, Umlagen und Steuern. Und zwar heute, nicht in 30 Jahren, wenn sich das Windrad amortisiert hat.

Mehr gebaut als geplant?

Reiche sagt außerdem, im vergangenen und in diesem Jahr seien mehr Photovoltaik- und Windanlagen zugebaut worden als ursprünglich vorgesehen. Auch das sehen Kritiker anders. Cleanthinking hat Zahlen der Bundesnetzagentur ausgewertet. Danach standen bis zum 4. Oktober bei Solar 12,4 von 22 Gigawatt des Jahresziels, bei Wind 3,2 von 7,8 Gigawatt. Nach linearem Pfad hätten es 76 Prozent sein müssen. Erreicht waren 56 und 41 Prozent.

Wer recht hat, hängt am Maßstab. Gegenüber dem Vorjahr mag es mehr sein. Gegenüber dem gesetzlichen Ausbaupfad ist es deutlich weniger. Die Ministerin wählt den Maßstab, der besser aussieht. Das tun alle Minister. Es macht die Zahl aber nicht besser.

Die Ministerin zwischen allen Stühlen

Bemerkenswert ist, wie Reiche argumentiert. Grüne und Umweltverbände werfen ihr vor, sie bremse den Ausbau. Die Industrie klagt über Energiepreise. Reiche antwortet beiden zugleich. Den einen sagt sie: Es wird mehr gebaut als geplant. Den anderen rechnet sie vor, wie teuer das Ganze war und wie wenig es bisher bringt. Beides soll gleichzeitig ihre Politik rechtfertigen.

Das ist politisch geschickt. Es ist aber auch ein Eingeständnis. Wenn selbst die zuständige Ministerin die Bilanz so beschreibt, muss man fragen, warum sich so wenig ändert. „Prüfen, nachsteuern und gegebenenfalls korrigieren“ klingt nach Plan. Was genau sie korrigieren will, bleibt in den bekannten Auszügen offen.

Nebenbei erteilte Reiche Spekulationen über einen Bruch der Koalition eine Absage. „Für mich gibt es zu dieser Koalition keine Alternative“, sagte sie. Auch beim Gas gibt sie Entwarnung. Trotz niedriger Speicherstände erwartet sie keinen Mangel im Winter. „Stand heute liegt mehr Gas in den Speichern, als selbst im kältesten Jahr verbraucht wurde.“

Was bleibt

Die Energiewende hat ein Kommunikationsproblem. Ihre Befürworter rechnen sie schön, ihre Gegner rechnen sie schlecht. Jetzt rechnet die zuständige Ministerin sie gleichzeitig schön und schlecht. Fast eine Billion Euro, rund ein Fünftel geschafft, Ziel 2030 kaum erreichbar. Das ist die nüchterne Lage nach 30 Jahren.

Man kann daraus zwei Schlüsse ziehen. Entweder: schneller und billiger werden, vor allem bei Wärme und Verkehr. Oder: ehrlich sagen, dass die Ziele nicht zu halten sind. Die Bundesregierung macht gerade keins von beidem. Sie verteidigt die Wende mit Zahlen, die gegen sie sprechen. Das ist auch eine Art von Transformation.

Quellen

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