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3,54 Cent: Das Stromnetz schickt die nächste Rechnung

Comic-Illustration: Strommast mit Preisschild Preisschock, roter Pfeil nach oben, Münzen fallen aus einer Stromrechnung, große Schrift 3,54 Cent Netzentgelte 2027

Erst die Entlastung, dann die Kürzung, dann die Anhörung. Die Energiewende im Oktober

Es gibt Nachrichten, die klingen klein und sind trotzdem bezeichnend. Die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber haben ihre vorläufigen Netzentgelte für 2027 vorgelegt. 50Hertz, Amprion, Tennet Germany und TransnetBW kommen auf durchschnittlich 3,54 Cent pro Kilowattstunde. In diesem Jahr sind es 2,86 Cent. Plus 0,68 Cent. Ein Anstieg um knapp 24 Prozent.

Der Grund steht nicht im Netz. Er steht im Bundeshaushalt.

Der Zuschuss schrumpft

Der Bund zahlt seit diesem Jahr einen Zuschuss zu den Kosten der großen Stromautobahnen. 2026 waren es 6,5 Milliarden Euro. 2027 sollen es nur noch 5,525 Milliarden sein. Knapp eine Milliarde weniger. Die Netze kosten nicht weniger, also steigt das Entgelt.

Für Haushalte klingt die Rechnung zunächst harmlos. Das Vergleichsportal Verivox rechnet damit, dass nur etwa ein Drittel des Anstiegs beim Endkunden ankommt. Gemeint sind rund 0,24 Cent brutto pro Kilowattstunde. Bei einem Durchschnittspreis von 32,29 Cent sind das 0,8 Prozent. Ein Haushalt mit 4.000 Kilowattstunden zahlt etwa 10 Euro mehr im Jahr. Zwei Personen mit 2.800 Kilowattstunden etwa 7 Euro. Singles mit 1.500 Kilowattstunden etwa 4 Euro.

Zehn Euro. Man könnte das abhaken. Man sollte es nicht. Denn interessant ist nicht der Betrag. Interessant ist die Geschichte davor.

Versprochen waren 100 Euro

Der Zuschuss war als große Entlastung angekündigt. Im Koalitionsvertrag stand eine spürbare Senkung der Stromkosten. Die Rede war von rund 100 Euro im Jahr für einen typischen Haushalt.

Die Verbraucherzentrale hat im April nachgerechnet. In den untersuchten Netzen sparten Haushalte zwischen 18 Euro im Jahr in Rostock und 109 Euro in Mainz. Im Schnitt 56 Euro. Nur bei einem von 25 untersuchten Netzbetreibern lag die Entlastung überhaupt über 100 Euro.

Dazu kommt ein Detail, das man kennen muss. Der Zuschuss ist keine Steuersenkung. Die Stromversorger müssen ihn nicht eins zu eins weitergeben. Sie verrechnen die Netzkosten mit Einkauf, Steuern und Umlagen. Wer von der Entlastung wirklich etwas haben wollte, musste im Zweifel den Anbieter wechseln.

Die Verbraucherzentrale hatte einen anderen Weg vorgeschlagen. Eine Senkung der Stromsteuer auf das europäische Minimum von 0,1 Cent hätte bei 3.500 Kilowattstunden rund 68 Euro im Jahr gebracht. Für alle gleich, überall gleich. Die Regierung entschied sich anders.

Jetzt also die Bilanz: Erst 100 Euro versprochen. Dann im Schnitt 56 Euro geliefert. Jetzt wird der Zuschuss gekürzt, und ein Teil der Entlastung läuft wieder zurück. Das ist keine Strompreisbremse. Das ist ein Strompreisbumerang mit Verzögerung.

Die große Frage dahinter

Warum braucht ein Stromnetz überhaupt Milliarden aus dem Haushalt? Weil es teuer geworden ist. Deutschland baut Wind und Sonne schneller aus als Leitungen. Der Strom entsteht oft im Norden und auf dem Meer. Gebraucht wird er im Süden und Westen. Dazwischen fehlen Kabel.

Wenn die Leitungen voll sind, werden Anlagen abgeregelt und andere Kraftwerke hochgefahren. Das heißt Redispatch. Die Kosten dafür lagen 2025 bei rund drei Milliarden Euro. Bezahlt werden sie am Ende über die Netzentgelte. Also von den Kunden.

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche will das ändern. Sie argumentiert, man habe zu lange nur auf die Erzeugungskosten von Wind und Photovoltaik geschaut. Die Kosten für Redispatch, Netze und gesicherte Leistung seien ignoriert worden. Das stimmt. Ihre Lösung ist aber umstritten.

Abschalten ohne Entschädigung

Reiches Gesetzentwürfe sehen vor, dass Windanlagen in bestimmten Engpassgebieten bei einer Abschaltung keine Entschädigung mehr wie bisher bekommen. Bisher gilt: Wer abgeregelt wird, weil das Netz voll ist, bekommt Geld für den nicht gelieferten Strom.

Die Windexpertin Bärbel Heidebroek sagte der taz dazu: „Der erfolgreiche Windenergieausbau wird also bestraft, weil der Netzausbau nicht Schritt gehalten hat.“ Wenn Betreiber auf bis zu 20 Prozent ihrer Einnahmen ersatzlos verzichten müssten, ließen sich viele Projekte nicht mehr finanzieren. Banken spielten dann nicht mehr mit.

Und sie benennt einen Punkt, der einem Laien den Kopf schütteln lässt. Strom, der im Netz nicht transportiert werden kann, darf heute nicht einmal erzeugt, genutzt oder gespeichert werden. „Das ist ein Punkt, den wir überhaupt nicht verstehen“, sagt Heidebroek. Die neuen Gesetze änderten an diesem Irrsinn nach derzeitigem Stand nichts.

Wer zahlt, entscheidet nicht

Man muss die beiden Seiten nebeneinanderlegen. Die Regierung sagt: Das System ist zu teuer, die Erneuerbaren müssen ihre Kosten mittragen. Die Branche sagt: Ihr bestraft uns für Leitungen, die ihr nicht gebaut habt. Beide haben ein bisschen recht. Und beide reden über Geld, das am Ende dieselben Leute zahlen.

Der Haushalt mit 4.000 Kilowattstunden zahlt die Netzentgelte. Er zahlt über die Steuer den Zuschuss. Er zahlt über die Netzentgelte den Redispatch. Er zahlt künftig vielleicht auch dafür, wenn Windparks wegen fehlender Finanzierung gar nicht erst gebaut werden. Gefragt wird er nirgends.

Die EEG-Novelle liegt jetzt im Ausschuss für Wirtschaft und Energie. Anhörungen sind nach Angaben des Portals cleanthinking.de für den 5. und 7. Oktober angesetzt. Mitte Oktober könnte der Bundestag abstimmen. Die beihilferechtliche Genehmigung der EU für zentrale Teile des EEG läuft zum Jahresende aus. Viel Zeit für gründliche Arbeit bleibt nicht.

Das eigentliche Problem

Die Energiewende hat ein Kostenproblem, und das lässt sich nicht mehr wegreden. Leitungen fehlen. Abregelung kostet Milliarden. Zuschüsse verschieben die Rechnung nur vom Stromzähler auf den Steuerbescheid. Und wenn das Geld knapp wird, wandert sie zurück.

Zehn Euro mehr im nächsten Jahr sind kein Drama. Sie sind ein Symptom. Ein System, das man nur mit jährlich neu verhandelten Milliarden bezahlbar hält, ist nicht bezahlbar. Es ist subventioniert. Das ist ein Unterschied, den man spätestens bei der nächsten Haushaltskürzung merkt.

3,54 Cent. Merken Sie sich die Zahl. Sie wird nicht die letzte sein.

Quellen: energie-fachberater.de, „Strompreis aktuell: Übertragungsnetzentgelte steigen 2027“, Update 02.10.2026, mit Verivox- und Verbraucherzentrale-Zahlen; HNA, „Strompreis-Erhöhung droht: Netzbetreiber nennen erste Zahlen“, Oktober 2026; taz, „Windexpertin kritisiert Reiches Reform“; cleanthinking.de, „EEG-Novelle: Wie Reiche den Klimafahrplan sabotiert“.

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