In Freiburg gibt es an städtischen Grundschulen und Kitas nur noch vegetarisches Mittagessen. Offiziell wegen Kosten. Praktisch lernen die Kinder zuerst, was auf dem Teller erlaubt ist.
Man kann Kinder das Einmaleins lehren. Das Händewaschen. Und, wenn der Gemeinderat es beschließt, dass warmes Mittagessen ohne Schnitzel auskommt. Vegetarisches Schulessen ist in Freiburg keine Diskussion mehr. Es steht auf der städtischen Seite wie eine Hausordnung: In Grundschulen gibt es ein vegetarisches Menü. Beschluss des Gemeinderats von 2022.
Drei Jahre später gilt die Regel weiter. Kitaessen und Grundschulessen folgen demselben Prinzip. Die Kleinen bekommen das Einheitsgericht. An weiterführenden Schulen darf zweimal in der Woche noch Fleisch oder Fisch auf den Plan. Wer älter ist, darf wählen. Wer jünger ist, übt. So sieht Ernährungspolitik aus, wenn sie sich als Kantine tarnt.
Vegetarisches Essen in Kita und Schule: der Freiburger Weg
Die Stadt hat den Schritt 2022 nicht als Glaubenskrieg verkauft. Sie sprach von Kosten, von einem Menü statt zwei, von Vereinfachung. Nachhaltigkeit und Gesundheit kamen als Beilage dazu. Elternbeiräte murrten. Der Preis stieg. Die Auswahl schrumpfte. Brotdose und Schulfestwurst blieben erlaubt, damit niemand sagen kann, der Lyoner sei verboten.
Nur das warme Essen in der öffentlichen Einrichtung wurde vereinheitlicht. Also der Teil, den die Kommune steuert. Wer das Kind mittags abholt, darf zu Hause braten, was er will. Wer das Kind in der Betreuung lässt, akzeptiert den Lehrplan für den Magen. Vegetarisches Kitaessen ist damit weniger Verbot als Pflichtstoff.
Das Wort Indoktrination klingt grob. Es trifft trotzdem. Niemand stellt sich vor die Klasse und sagt: Ab heute seid ihr Vegetarier. Man braucht das nicht. Man stellt fünfmal in der Woche dasselbe Prinzip auf den Tisch und nennt es Normalität. Der Geschmack von Kindern ist weich. Was oft kommt, wird wahr. Was fehlt, wird fremd. Später heißt das Haltung.
Was DGE und Kinderärzte zum vegetarischen Mittagessen sagen
Die Fachleute sind vorsichtiger als die Moral. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung sagt, ein vegetarisches oder veganes Mittagessen in Kita und Schule sei möglich. Bis zu drei vegane Gerichte in der Woche passten sogar in die Mischkost-Standards. Jasmin Geppert von der DGE hat extra erklärt, das sei keine Aufforderung an alle Träger, künftig nur noch pflanzlich zu kochen. Die DGE will helfen, wenn Eltern oder Caterer nachfragen. Sie will nicht die Republik auf Grünkern umstellen.
Die Kinderärzte sind knapper. Im Juli 2026 hat die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin ihre Stellungnahme zur vegetarischen und veganen Ernährung bei Kindern erneuert. Es gehe, wenn jemand aufpasst. Wachstum messen, essen abfragen, bei Bedarf Blut abnehmen. Vitamin B12 auch bei vegetarischer Kost im Blick behalten, bei veganer Kost zwingend ergänzen. Dazu Eisen, Jod, Calcium, Vitamin D, Omega-3. Silvia Rudloff, Mitautorin, sagt den Satz, den keine Kampagne auf ein Plakat druckt: Jede einseitige Kost erhöht das Risiko von Defiziten.
Ein vegetarisches Mittagessen macht daraus noch keine Mangelkrankheit. Die DGE rechnet vor, dass die Schulmensa nicht die ganze Ernährung ist. Frühstück und Abendbrot bleiben zu Hause. Genau das ist der Trick. Die Kommune greift nur den Teil, den sie greifen kann. Öffentlich die richtige Linie, privat der Ausgleich. Wer zu Hause schon pflanzenbetont kocht, merkt nichts. Wer Wurstbrote schmiert, darf das weiter tun und soll sich nicht wundern, wenn das Kind in der Mensa lernt, Fleisch sei die Ausnahme.
Gericht, Umfragen und der Wunsch nach Wahl statt Zwang
Das Verwaltungsgericht Freiburg hat 2025 Eltern aus dem Raum Konstanz beschieden, sie hätten keinen Anspruch auf tägliches Fleisch in der Schule. An der Ganztagsgrundschule gab es an drei von vier Tagen vegetarisch oder vegan, einmal Fleisch oder Fisch. Das reiche. Der Träger habe Spielraum. Bei Unverträglichkeit könne man individuell nachsteuern. Juristisch sauber. Politisch die Erlaubnis, ein Einheitsmenü durchzusetzen, solange niemand beweist, dass das eigene Kind gerade an Eisenmangel leidet.
Was die Leute dazu sagen, hängt davon ab, wen man fragt. YouGov hat 2023 mehr als zwölftausend Befragte. 63 Prozent wollten vegetarische Alternativen an Schulen. 7 Prozent wollten ausschließlich vegetarisches Schulessen. 18 Prozent hielten vegetarisches Angebot für überflüssig. Die große Zahl will Wahl. Die kleine Zahl will Bekehrung. Das Einheitsmenü bedient die kleine Zahl und spricht im Namen der Kinder.
Eine Civey-Umfrage, die am 15. September 2026 wieder durch die Blätter ging, klingt noch schärfer. Die Frage lautete, wie man es bewerte, wenn es an Grundschulen und Kitas nur noch vegetarisches Essen gäbe. Gut 74 Prozent negativ, knapp 20 Prozent positiv. Mehr als fünftausend Teilnehmer. Auftraggeber und genaues Felddatum sind in der Berichterstattung dünn. Die Richtung passt trotzdem zu YouGov. Die Leute mögen eine fleischlose Option. Sie mögen keinen Pflichtstoff auf dem Kinderteller.
Im Februar 2026 hat Civey Eltern im Auftrag der Geflügelwirtschaft befragt. Viele wollen Protein, viele wollen Geflügel auf dem Schulplan. Der Auftraggeber ist interessengeleitet. Die Gegenprobe vom WWF 2024 auch. Dort fanden knapp 60 Prozent, Staat und Kommunen täten zu wenig für gesunde, leckere, nachhaltige Verpflegung. Nachhaltig heißt in diesem Mund oft: mehr Pflanze. Beide Seiten holen sich Zahlen. Das Kind sitzt dazwischen und isst, was der Caterer nach dem Workshop zu vegetarischen Speiseangeboten anliefert.
Warum das Kind der bequemste Schüler ist
Freiburg hat die Caterer extra geschult. Eine große Umstellung, sagte ein Sprecher 2023. Kochen für viele sei nicht wie Kochen zu Hause. Die Speisepläne würden nachjustiert. Erst die Norm, dann das Feintuning, bis der Widerstand ermüdet. Man fängt nicht beim Erwachsenenmenü der Stadtverwaltung an. Man fängt beim Kind an, das nicht abstimmt und selten einen Anwalt hat.
Man kann das Klima nennen. Man kann Tierwohl nennen. Man kann Kosten nennen. Alles darf man wollen. Nur sollte man aufhören, vegetarisches Schulessen als neutrale Fürsorge zu verkaufen. Wer fünf Tage die Woche dasselbe Prinzip durchsetzt und die Wahl auf das Pausenbrot verschiebt, will Gewohnheit erzeugen. Gewohnheit ist die höfliche Form der Indoktrination. Sie schmeckt nach Karotte und nach guter Absicht. Am Ende merkt das Kind vor allem eines: Was richtig ist, entscheiden andere.
Quellen
- Stadt Freiburg, Seite Schulverpflegung, Stand 2026: vegetarisches Menü an Grundschulen nach Gemeinderatsbeschluss 2022, an weiterführenden Schulen Fleisch oder Fisch an zwei Tagen, Elternanteil 4,80 Euro. https://www.freiburg.de/pb/2121287.html
- Stuttgarter Nachrichten / dpa: Gemeinderat Freiburg beschließt vegetarisches Essen in städtischen Kitas und Grundschulen, Abstimmung 27 zu 14, Begründung unter anderem Kosten. https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.kitas-und-grundschulen-in-freiburg-nur-noch-vegetarisches-essen-fuer-kinder.3a774f48-d2c4-4f15-85de-b34e8e7e368c.html
- Spiegel, 10.09.2023: Umsetzung zum Schuljahresbeginn, zuvor zwei Menüs mit Fleisch und Fisch. https://www.spiegel.de/panorama/freiburger-grundschulen-und-kitas-bieten-nur-noch-vegetarisches-essen-an-a-fec1b1a5-c708-4115-aea5-ce1edabf102a
- Süddeutsche Zeitung, 13.09.2023: Stadt betont Kosten und Schnittmenge der Ernährungsweisen, Brotdosen und Schulfestwürstchen bleiben möglich. https://www.sueddeutsche.de/politik/freiburg-schulessen-vegetarisch-gruene-1.6222256
- DGE-Blog: vegane Mittagsverpflegung in Kita und Schule, weder Empfehlung für noch gegen vegane Kinderernährung, bis zu drei vegane Mittagsgerichte mit Mischkost-Standards vereinbar, keine Pflicht zu rein pflanzlichem Angebot. https://www.dge.de/blog/2025/vegane-mittagsverpflegung-in-kita-und-schule/
- DGKJ, Presseinfo 14.07.2026: aktualisierte Stellungnahme zu vegetarischer und veganer Ernährung bei Kindern und Jugendlichen, Monitoring, Vitamin B12. https://www.dgkj.de/aktuelles/news/detail/post/presseinfo-vegetarische-und-vegane-ernaehrung
- Salzburger Nachrichten / Deutsches Ärzteblatt, 04.08.2026: Silvia Rudloff zur erhöhten Aufmerksamkeit bei veganer Kost und zum Risiko einseitiger Kostformen.
- News4teachers, 27.05.2025: Verwaltungsgericht Freiburg lehnt Eilantrag von Eltern im Raum Konstanz ab, kein Anspruch auf tägliches Fleisch. https://www.news4teachers.de/2025/05/verwaltungsgericht-staerkt-vegetarische-schulverpflegung-gegen-klagende-eltern/
- gv-praxis / YouGov, 26.09.2023: 63 Prozent für vegetarische Alternativen, 7 Prozent für ausschließlich vegetarisches Schulessen. https://gvpraxis.food-service.de/gvpraxis/news/umfrage-veggie-fuer-kids-die-mehrheit-findets-ok…-57328
- Weltwoche, 15.09.2026: Civey-Umfrage zur Bewertung ausschließlich vegetarischen Essens in Grundschulen und Kitas (Auftrag und Felddatum in der Berichterstattung nicht unabhängig zweitbelegt). https://weltwoche.ch/daily/umfrage-zeigt-mehrheit-gegen-veggie-zwang-in-kitas-und-grundschulen/
- journalist.de / Civey im Auftrag des Zentralverbands der Geflügelwirtschaft, Februar 2026: Elternstudie Schulverpflegung, Protein und Geflügel. https://www.journalist.de/studien-des-monats/zdg/
- WWF / Civey, 19.06.2024: Unzufriedenheit mit staatlichem Engagement für Kita- und Schulverpflegung. https://www.wwf.de/2024/juni/was-die-politik-bei-der-kita-und-schulverpflegung-auftischt-schmeckt-den-deutschen-nicht








