Merz und Reiche in Kyjiw – Hilfe vor dem fünften Kriegswinter
Am Sonntagmorgen rollt ein Sonderzug in die ukrainische Hauptstadt. An Bord: Bundeskanzler Friedrich Merz, Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und zehn Unternehmer aus Rüstung und Energie. Die Reise war nicht angekündigt. Das Timing ist es schon: Kurz zuvor hat das russische Außenministerium Ausländer und Diplomaten vor einem Aufenthalt in Kyjiw gewarnt.
Was Merz bei der Ankunft gesagt hat
Die Deutsche Welle hat die Sätze festgehalten. Merz bei der Ankunft: „Wenn Russland nicht gestoppt wird, richtet sich seine Kriegsmaschinerie früher oder später gegen uns.“ Das ist keine diplomatische Floskel. Das ist die Begründung, warum ein deutscher Kanzler mitten in einer Stadt ankommt, die in den vergangenen Monaten verstärkt angegriffen wurde.
Er sei gereist, „weil die Ukraine für die kommenden Wochen all unsere Unterstützung braucht.“ Und weiter: „Bald beginnt für die Menschen der fünfte Kriegswinter. Russland bombardiert Städte, Wohnhäuser und Heizkraftwerke.“ Die Ukrainer ließen sich durch den Terror nicht unterkriegen. An Selenskyj wolle er sagen: „Auf unsere Hilfe könnt ihr weiter zählen.“
Das sind klare Ansagen. Wer sie hört, muss nicht raten, wohin die Reise politisch geht. Sie geht in die Verlängerung der deutschen Rolle als wichtigster Unterstützer der Ukraine im Abwehrkampf – so beschreibt es die DW.
Drohnen, Abstandswaffen, Kraftwerke
Konkret soll laut Berliner Regierungskreisen die baldige Auslieferung von Tausenden Abfangdrohnen zugesichert werden. Ziel: die Flugabwehr gegen besonders schnelle russische Kampfdrohnen mit Düsenantrieb. Geplant ist außerdem die gemeinsame Produktion verschiedener Drohnentypen in Deutschland und in der Ukraine.
Dazu kommt die gemeinsame Entwicklung und Produktion sogenannter Abstandswaffen mit einer Reichweite von mehr als 1000 Kilometern. Damit könnten Nachschublinien hinter der Front in Russland angegriffen werden. Das ist der Teil der Reise, der in Moskau am lautesten ankommen dürfte.
Finanziell steht eine Milliarde Euro aus bereits bewilligten Haushaltsmitteln im Raum. Zusätzlich sind 350 Millionen Euro für Reparatur und Wiederaufbau zerstörter Kraftwerke geplant. Militärisch und zivil zugleich. Wer im fünften Kriegswinter Heizkraftwerke bombardiert, zwingt die Gegenseite, genau dort zu antworten.
In Berliner Regierungskreisen heißt es laut DW zudem: Die verstärkte Zusammenarbeit nutze auch der Bundesrepublik, weil Geld und Technologie zurück nach Deutschland flössen. Das ist die innenpolitische Übersetzung einer Außenreise. Hilfe, die sich rechnen soll.
Die Warnung aus Moskau
Nur wenige Stunden vor der Ankunft des Regierungszugs warnte das russische Außenministerium ausländische Besucher und Diplomaten. Sie sollten die Hauptstadt verlassen und sich vor allem nicht in der Nähe militärischer Objekte und Regierungsgebäude aufhalten. Die DW nennt die Reise wohl die gefährlichste eines Kanzlers in das Kriegsgebiet seit Beginn der Invasion Ende Februar 2022.
Die russischen Streitkräfte haben Kyjiw und auch Personenzüge in den vergangenen Monaten verstärkt angegriffen. Seit einigen Wochen setzt Russland schnelle Jet-Drohnen gegen zivile Ziele ein. Am Freitag waren zentrale Brücken in Kyjiw Ziel massiver Attacken. Wer in dieser Lage mit dem Zug ankommt, setzt ein Signal. Ob das Signal die Kriegsmaschinerie stoppt, ist eine andere Frage. Merz behauptet nicht, dass es das tut. Er behauptet, dass Nichtstun teurer wird.
Was das für Berlin bedeutet
Deutschland gilt inzwischen als wichtigster Unterstützer der Ukraine. Merz und Reiche wollen weitere konkrete Hilfen zusagen. Die Unternehmerdelegation aus Rüstung und Energie zeigt, wohin die Reise wirtschaftlich gedacht ist: Produktion, Lieferketten, gemeinsame Systeme. Nicht nur Pressemitteilungen.
Ob Tausende Abfangdrohnen, gemeinsame Produktion und Abstandswaffen über 1000 Kilometer die Frontlage in den kommenden Wochen spürbar ändern, steht nicht in der Ankunftsrede. Dort steht die politische Linie: Hilfe weiter, Winter vor der Tür, Kraftwerke im Visier, und die Warnung, Russland richte sich früher oder später gegen „uns“, wenn es nicht gestoppt werde.
Das ist die Sprache eines Kanzlers, der die Reise nicht als Symboltermin verkaufen will. Sondern als Arbeitsbesuch mit Paket. Eine Milliarde plus 350 Millionen für Kraftwerke. Drohnen gemeinsam bauen. Abstandswaffen entwickeln. Und Selenskyj persönlich sagen, dass man weiter zählen könne.
Reiche an seiner Seite ist kein Zufall. Energie und Wirtschaft sitzen im selben Zug wie die Rüstungsunternehmer. Wer Kraftwerke reparieren und Drohnen produzieren will, braucht beides. Die DW schreibt es nüchtern: Es geht um konkrete Zusagen, nicht um einen Fototermin am Bahnhof.
Kyjiw ist an diesem Sonntag kein touristisches Ziel. Es ist eine Stadt, vor der Moskau Ausländer warnt, während Berlin mit Sonderzug eintrifft. Wer das nur als Bilderwelt liest, verpasst den Inhalt. Der Inhalt sind Waffenreichweite, Winter und die Behauptung, dass die Kriegsmaschinerie nicht von allein stehen bleibt.
Für die kommenden Wochen, sagt Merz, brauche die Ukraine „all unsere Unterstützung“. Das ist der Maßstab, an dem man den Besuch messen kann – nicht an der Länge der Ankunftsrede. Tausende Abfangdrohnen, gemeinsame Produktion, Abstandswaffen, eine Milliarde aus bewilligten Mitteln, 350 Millionen für Kraftwerke. Und der Satz an Selenskyj, auf den man angeblich weiter zählen könne.
Ob das reicht für den fünften Kriegswinter, entscheidet nicht der Bahnsteig in Kyjiw. Es entscheidet, was danach geliefert und gebaut wird. Der Sonderzug ist angekommen. Die Rechnung kommt danach.
Quellen: Deutsche Welle, 4. Oktober 2026, „Merz mit Militärhilfe im Gepäck in der Ukraine eingetroffen“ (dw.com/de/…/a-79535157). Angaben aus Berliner Regierungskreisen und Zitate Merz laut DW; russische Außenministeriums-Warnung laut DW.









