Es ist doch irre. In anderen Ländern brennen die Barrikaden, wenn der Baguette-Preis um fünf Cent klettert oder das Rentenalter auch nur einen Hauch Richtung 60 rutscht. In Deutschland hingegen stellt jemand im Netz die hypothetische Frage: „Was macht ihr eigentlich, wenn der Liter Sprit drei Euro kostet?“
Die Antwort? Ein kollektives, fast schon zärtliches Schulterzucken: „Ja, weiterarbeiten fahren halt. Muss ja.“ Herzlich willkommen im größten Freiluftgehege für das Stockholm-Syndrom. Wir nennen es Bundesrepublik.
Die Mathematik des Wahnsinns
Rechnen wir diesen Irrsinn mal kurz durch. Der durchschnittliche Arbeitnehmer verbringt hierzulande die erste Hälfte des Jahres damit, ausschließlich für Vater Staat zu schuften. Bei der Steuer- und Abgabenlast sind wir im OECD-Ranking Stammgast auf dem Treppchen. Wer also morgens um sieben in seinen Leasing-Kombi steigt, ist im Grunde nichts weiter als ein unbezahlter Praktikant des Finanzamts.
Aber jetzt kommt der eigentliche Geniestreich: Um überhaupt zu dieser Arbeit zu gelangen, bei der man die Hälfte seines Geldes direkt wieder abgibt, braucht man einen Treibstoff, der zu über 50 % aus Steuern besteht. Wir zahlen also Steuern auf das Geld, das wir mühsam verdienen, um davon Steuern auf den Sprit zu zahlen, damit wir überhaupt an den Ort kommen, an dem wir die nächsten Steuern erwirtschaften. Das ist kein Wirtschaftskreislauf. Das ist eine steuerliche Selbstreferenzialität, die so absurd ist, dass Kafka daneben wie ein Autor von Malbüchern wirkt.
Das wir dann auf alle anderen Dinge wie Lebensmittel und andere Annehmlichkeiten noch einmal Steuern bezahlen ist dann noch mal ein anderes Thema.
Der Staat als „fürsorglicher“ Geiselnehmer
Warum schreit niemand? Hier schlägt die Psychologie zu. Das Stockholm-Syndrom lebt davon, dass die Geisel beginnt, Sympathie für den Entführer zu empfinden – einfach, weil er ihr das „Überleben“ gestattet. Der Staat nimmt uns zwar fast alles weg, aber hey – er baut uns dafür (nach 20 Jahren Planung) eine Autobahnbrücke. Die dürfen wir dann mit 60 km/h befahren, während wir im Stau über die nächste CO2-Preiserhöhung sinnieren. Wir danken es ihm mit Gehorsam. Wenn der Sprit die Drei-Euro-Marke knackt, sorgt sich der Deutsche nicht: „Wie wehre ich mich gegen diese Willkür?“, sondern: „Hoffentlich reicht mein restliches Netto noch für das Billig-Hack vom Discounter, damit ich morgen wieder pünktlich am Band stehe.“
Die Romantik der Alternativlosigkeit
Besonders drollig ist das Argument der „Systemrelevanz“. Wir müssen arbeiten, um das System zu erhalten, das uns die Mittel entzieht, um zur Arbeit zu kommen. Eine perfekte, geschlossene Logik. Der Deutsche liebt seine Ketten, solange sie aus hochwertigem Edelstahl geschmiedet und regelmäßig vom TÜV geprüft sind.
Wir sind keine Pendler. Wir sind moderne Flagellanten, die sich bei jedem Tankvorgang selbst auspeitschen und dabei „Wohlstand für alle“ murmeln, während der Finanzminister im Hintergrund die Goldstücke zählt, die uns beim Bezahlen aus der Tasche fallen. Vielleicht sollten wir die Tankstellen konsequenterweise in „Therapiezentren für staatshörige Daueroptimisten“ umbenennen. Der erste Liter ist zur Beruhigung, der Rest dient der Finanzierung der eigenen Bedeutungslosigkeit.








